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Der Domraub


Im ERSTEN KAPITEL wird erzählt, warum der Beruf des Halsabschneiders zum Traumberuf werden kann

Meine Dame, mein Herr, ich bin in Belgrad geboren. Mein Vater stammte aus Österreich. Er hieß Franz Heiter - Gott hab' ihn selig! - und war, wie alle ihn schildern, von Beruf Musiker Die künstlerische Ader hab' ich von ihm. Er war katholisch und wurde auch nach dem Ritus der römischen Kirche begraben. Er starb neunzehnhundertvierzig, als ich acht Jahre alt war Nachdem ich das Schäufelchen Erde auf seinen Sarg geworfen hatte, brach ich weinend zusammen und war anschließend drei Wochen krank.

Als ich aus dem Bett wieder aufstand, war ich kein Katholik mehr Ich muß aber gestehen, daß mich mit dem Katholizismus auch heute noch vieles verbindet. Man könnte geradezu von einer unverbrüchlichen Beziehung sprechen. Lesen Sie meine Geschichte - worum ich Sie herzlich bitte, erhalte ich doch acht Prozent vom Ladenpreis des Buches (die Mehrwertsteuer abgezogen) -, dann erfahren Sie, wie und warum.

Verheiratet war mein Vater mit Draginja, der dritten Tochter eines hochanständigen, patriotischen Paares aus Serbien. Von ihr habe ich die Frohnatur, das Durchhaltevermögen und höh're Streben. Wie Sie bald sehen werden, vereinige ich die besten Züge beider - nicht unproblematischer - Völker in mir Mich beschleicht - im Gegensatz zu meinem berühmten, aber leider fiktiven Kollegen - nicht das geringste Bedenken »wenn ich die Feder ergreife, um in völliger Muße und Zurückgezogenheit«, die mir wegen der meinem Beruf innewohnenden Risiken aufgezwungen sind, gesund übrigens, wenn auch mit einem schwachen Herzen und etwas müde, »mich anschicke, meine Geständnisse in der sauberen und gefälligen Handschrift, die mir eigen ist, dem geduldigen Papier anzuvertrauen«.

Bedenken hat nur der, der entweder in den ersten siebzehn Lebensjahren einer Gehirnwäsche unterzogen wurde oder prägende Erfahrungen gemacht hat. Ersteres war bei mir nicht der Fall. Als ich neun Jahre alt war, bombardierte die deutsche Luftwaffe Belgrad. Sie lehrte mich eine bestimmte Bedenkenlosigkeit: die der Selbstverteidigung. Ich lernte, daß es einer zielgenauen Flak bedarf, um Die Da Oben abzuschießen, die Bomben, Lügen, fromme Sprüche, Lehren von Rassenüberlegenheit, Selbstlosigkeit, Zucht und Ordnung auf uns regnen lassen. Die jungen Männer, die das in meiner Heimat taten, waren leider älter als ich. Sie hatten die Gnade der früheren Geburt. Bedenken entwickelten sie erst, als sie - durch das reinigende Feuer des Partisanenkampfes gegangen - feststellen mußten, daß die Herren, die es ausbliesen, ihren Opportunismus, ihre Privilegien, ihre Bürokratie, ihr Karrieredenken und ihre korrupte Herrschaft Sozialismus nannten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ja, ich habe das Unglück, zu spät geboren zu sein. Die Städte Serbiens waren im Herbst '44 schon von der Nazipest befreit. Da war ich zwölf Jahre alt. Und wie jeder Junge in unserem Haus, unserer Straße und unserer Stadt, wollte ich Partisan werden. Nichts, dachten wir damals, kommt diesem Beruf gleich! Wir alle dachten es, und Partisanen zu werden war unser Traum.

Gut für unser Volk, aber schlecht für uns Jungen war hingegen der Umstand, daß der Krieg zu Ende ging. Mein Freund Ivo, er war nur sieben Jahre älter als ich, kam mit den Partisanen aus den Wäldern zurück. Er trug eine Kalaschnikow, die Mündung nach unten, an der Schulter, die Pistole, die er einem getöteten deutschen Offizier abgenommen hatte, im Gürtel und dessen elegante Stiefel an den Füßen. Unsere Straße, die Mladen Stojanavi a in Dedinje, jubelte ihm und seinen Kameradinnen und Kameraden zu. Die Mladen Stojanovi a war und ist eine feine Straße. Marschall Tito wohnte später, das nur nebenher und ganz bescheiden gesagt, ganz in meiner Nähe in seiner eleganten Villa. Da aber waren schon einige andere Nachbarn getötet oder geflohen oder hinausgespült, verschollen oder im Knast, die Nazis und ihre Helfer und Sympathisanten, Spione, Informanten, Royalisten, Tschetniks, Ljoti -Männer, Ustaschas, Weißgardisten, Kriegsgewinnler und Spekulanten. Wir Jungs haben den Partisanen und der Miliz geholfen, sie zu schnappen. Darin hatten wir Erfahrung. Im Partisanenkrieg ist niemand zu jung, zu alt, zu blind, zu taub, zu dick oder dünn, der guten Sache zu dienen. Diese Sache war kein Ideal, sie betraf unser Leben.

Aber dann, schon neunzehnhundertfünfundvierzig, änderten sich Ivo und seine Kameraden auf seltsame Weise. Oder anders: Man veränderte sie. Zum Schlechten hin. Ohne großen Druck. Zumal sie damals, als sie noch nicht entwaffnet waren, einem Druck noch hätten widerstehen können. Nun, sie lernten das besinnungslose Gehorchen. Ich weiß nicht, warum. Aber ich sah, wie. Der Anteil der Anschnauzer an der Hundwerdung des Menschen mißfiel mir im höchsten Maße. Niemand sollte es einem Affen in Uniform mit viel Lametta darauf verübeln, wenn er Menschen anschnauzt. Ich meine, das ist seine Natur Aber ich verübelte es Ivo und seinen Kameraden und Kameradinnen, daß sie sich das Anschnauzen gefallen ließen und den Befehlen gehorchten. Affen und als hohe Offiziere verkleidete Primaten verjagt man mit der Kalaschnikow auf die Bäume zurück, aus denen sie herabgestiegen sind: So beschloß ich, was auch kommen möge, dem Gehorsam keine Chance zu geben. Nur in äußerster Not würde ich die Hände an die Hosennaht pressen; und auch das nur so lange, wie die Lebensgefahr andauerte. Wenn sie vorbei war, würde ich mich grausam rächen. Denn was man mir antut, tut man allen an; und was man anderen antut, tut man mir an. Wir können uns nicht freie Menschen nennen, wenn nicht alle Menschen frei sind. Der Gehorsam der Menschen ist der erste Schritt zu Folter, Gefängnis und KZ. Da macht es wenig Unterschied, ob du Folterer und Wärter bist oder Gefangener.

So war ich schon immer. Mein Vater hat mich nie geschlagen. Hätte er es getan, wie ich es viele Väter habe tun sehen, ich hätte geschwiegen, das Weinen, so gut es ging, unterdrückt und mir im Stillen vorgenommen: Na warte, Alter, bis ich sechzehn bin . . .

Ja, wir träumten von der Partisanenlaufbahn, meine Dame, mein Herr Jugoslawien hatte sich selbst befreit (mit ein wenig Hilfe von außen). Es war nur eine Frage der Zeit, wann die Faschisten und Nazis ihren Krieg verlieren würden. Aber vielleicht gab es anderswo welche, und wo unsere Partisanen gerade dabei waren, konnten sie uns mitnehmen, anlernen und ausbilden: Wir würden in die Wälder gehen, dies Pack angreifen, zunächst mit Nadelstichen, zum Schluß in offner Schlacht, und besiegen. Daran gab es nicht den geringsten Zweifel.

Und dann würde geschehen, wie wir es so oft gehört und gesehen: Wie jedes Mal, wenn die Freiheitskämpfer aus den Bergen und Wäldern kamen, die Menschen in den befreiten Dörfern und Städten, Weilern und Kreisen würden aufstehen, Räte bilden, die Arbeit und Produktion organisieren, die Verteilung der Güter und des Glücks, das Leben völlig verändern. Die Uhren würden zerschossen und Sonnenuhren installiert. Der zerlumpte, magere, verlauste, ungewaschene und unrasierte Partisan war das Symbol für eine neue Zeit: Und bis heute weiß ich - der ich einen ganz anderen Weg gehen mußte -, daß diese war und sein wird und nie umgebracht werden kann. Sie sucht sich jedes Mal nur einen neuen Ort.

Der schönste Beruf auf Erden, dachten wir Jungen aus Dedinje in Belgrad und anderswo, ist der des Halsabschneiders, wenn es um die Hälse von Halsabschneidern geht, die der Reichen und Mächtigen, ob sie sich nun Nazis nennen oder Adlige, bürgerliche Demokraten oder Faschisten. Daß ich nicht aus dieser Neigung und Berufung einen Beruf machen konnte; daran war nicht ich, daran waren die Umstände schuld. Dies ist der Grund dafür, daß Sie mein Bild nicht auf einer Briefmarke sehen und ich heute, dreißig Jahre später, nicht meinen Berufungen nachgehen kann, sondern im Knast sitze.

Geheimnisse der karibischen Küche


EINLEITUNG
1. MAMA KOCHT IN GRENADA

 

Mama wog über zwei Zentner und kochte in ihrem Restaurant an der Lagune, unweit des Jachthafens in St. George's, Grenada. Morgens zog sie mit ihren Hilfstruppen zum Markt und kaufte ein, prüfte, schmeckte, tastete ab und feilschte. Dann wälzte sie sich ins vorher georderte Taxi - der gesamte Kofferraum war nun mit Obst, Gemüse, Kräutern, Gewürzen und Fleisch gefüllt; Stoßdämpfer und Sprungfedern litten; und was noch fehlte - seien es Fische oder Hühner, frische Hummer oder Lambie (Riesenmuscheln), ein gutes Stück Schweineschinken oder ein saftiges Teil vom jungen Rind, manchmal gar eine riesige Schildkröte -, brachte ein Fischer oder Vertragslieferant vorbei.

Mittags mußtest du dein Dinner mit mehreren Gängen vorbestellen, und abends, wenn die Sonne gesunken war, saßen die Gäste um selbstgezimmerte Tische in der kleinen Holzhütte, die sich stolz Mamas' Bar &' Restaurant nannte, oder davor, unterhalb der zum Meer führenden Straße, und schmausten.

Da gab es duftende Marinaden, die Soßen strotzten von Kräutern und diversen Gewürzen - Grenada ist das Spice Island -, die Gemüse- und Knollensorten wurden gekocht oder gebraten, in Bällchen verwandelt und fritiert oder kurz gedämpft, und alles war hot, hot, hot, wie der letzte Calypso lautete, denn heiß ist scharf, und scharf ist geil; kurz, wenn Mama gut drauf war - und sie war es meistens, und sie war es noch mehr, wenn sich gute Dominospieler angesagt hatten -, bekamst du die schönsten Köstlichkeiten serviert. Dazu trankst du den besten Rumpunsch der Welt. Sagten die einen. Mama selbst, bescheidener, sagte: der Straße.

»Wenn ein alter Mensch stirbt«, lautet ein Sprichwort auf Jamaica, »ist das, als wenn eine Bibliothek in Flammen aufgeht.«

Dies Sprichwort kannte ich noch nicht, aber ich hielt mich damals schon dran, im Februar/März 1983, sieben Monate, bevor die Yankees kamen, und flüsterte meiner Freundin Debbie, die nun mit mir auf Jamaica lebt, zu: »Du mußt mit den Augen und der Nase stehlen!«

Sie tat es. Ihr ist dieses Buch gewidmet.
Ein Teil der Rezepte stammt von ihr.

2. KOCHEN UND KLASSENKAMPF

Nun auch der, werden einige sagen; erst Militanter, Straßenkämpfer, Anarchist, »Terrorist« (F. J. Strauß, 1980), 68er, Staatsschutzgefangener und jetzt auch Mitglied der Prosecco- und Slow-food-Kultur der Bundesrepublik der 90er ... Die haben keine Ahnung. Die lesen nicht oder lesen ungenau. Wie Reich-Ranicki. Denn wer meine Bücher gelesen hat von 1968 bis heute, weiß, daß ich die Literatur in den 60ern gegen jene verteidigte, die sie für tot erklärten; daß ich stets, wie Brecht, das Vögeln und Denken verteidigte, im Gegensatz zu ihm das Lachen aber nie zum Luxus zählte; daß ich in meinem nun 'Kultbuch' genannten Schelmenroman Die Glücklichen der Liebe, dem Essen, Trinken und Flanieren, der Faulheit und dem Easy-going sehr, sehr viel Raum einräumte. Schon in der tageszeitung im März 1983 schrieb ich: »Kochen nämlich ist Teil des Klassenkampfs. Ohne Neid kein Fortschritt. Was einst der Adel sich erworben an zweiter Natur, an Künsten, die dem Leibe guttun - die Liebe, das Trinken, das Essen, das Reisen und vieles mehr , das aufgeklärte Bürgertum übernahm es, zu Recht, nach seiner anarchisch-puritanischen Phase. Und warum, verdammt, sollten Proletarier und Plebejer, die Verdammten dieser Erde, bei jener Küche bleiben, die ihnen einst durch schiere Armut aufgenötigt war? Sollen und wollen nicht alle um die reichgedeckten Tische sitzen und schlemmen, dereinst, und, antizipierend, nun schon? (...)

Mehr als andere Künstler, sagte Altmeister Brecht, verlange es den Koch nach Lob. Ich lobe Mama, die da kocht in ihrer winzigen Küche, kreolisch kocht: Sie ist die wahre Regionalistin und Revolutionärin. (...)

Das Wort Genosse nämlich hat zwei Ursprünge und Bedeutungen: genote, Menschen in gleicher Not, tun sich zusammen, den ständigen Repressionen der Herrschenden zu trotzen und ein Band der Solidarität zu knüpfen; Genosse kommt aber auch von - genießen.

Kann sich da Genosse nennen, wer nicht genießt und nicht Genuß verschafft?« (St. George's, 28.2.83)
So verrate ich eines der »Geheimnisse der karibischen Küche« schon im voraus: Sie ist - wie etwa die phantastische der Toskana - Armeleuteküche. Meine Großmutter mütterlicherseits kochte gut westpreußisch-derb; an Feier- und Geburtstagen begab sich mein Großvater in die Küche, kochte »viel besser« und hinterließ seiner Frau ein Schlachtfeld. »Kein Wunder«, spottete die, »sollte ich jeden Tag so kochen, müßtest du das Fünffache in der Lohntüte nach Hause bringen.«

So ist eins der Geheimnisse der Küche, und das weltweit, das raffinierte Nutzen sparsamster Ressourcen, die wundersame Verwandlung von Essensresten von gestern in kulinarische Köstlichkeiten heute.

3. KOLUMBUS' ERBEN UND WIDERSTAND

When the Asian culture and the European culture

Meet upon African culture in the Caribbean people

We stir them up and blend them to our flavour

We shake them up and move them to our beat

We wheel them and we turn them and

We rock them and we sound them

And we temper them - and, Lord, the rhythm sweet

Diesen Text habe ich aus dem Patois ins Englische übertragen. So kommentiert die einzigartige Miss Lou, wie Jamaicas Kulturbotschafterin liebevoll genannt wird, die Entstehung einer neuen, unverwechselbaren Kultur der Karibik.

Sie erstreckt sich zwischen dem zehnten und siebenundzwanzigsten Parallelkreis nördlicher Breite über etwa zweitausendfünfhundert Kilometer von Norden (Bahamas) nach Süden (Trinidad) und dreitausend Kilometer von Westen (Belize) nach Osten (Barbados) zwischen Atlantik und Zentralamerika.

»War übrigens kürzlich ganz in Deiner Nähe«, schrieb mir vor ein paar Jahren ein alter befreundetet Kollege. Er verbrachte seinen Urlaub auf Barbados. Ich lebe auf Jamaica. Diese Inseln sind etwa zweitausend Kilometer voneinander entfernt. Würden wir etwa schreiben, Stockholm liege in der Nähe von Neapel? Aber auch ich wußte vor fünfzehn Jahren wenig über die Karibik. In unserer europäischen Ignoranz sind wir noch immer die Enkel von Kolumbus, der diesen Teil der Welt wahrhaftig Westindien nannte. Über die Schönheit dieses Teils der Welt ist schon viel geschrieben worden, was aber meist vergessen oder verdrängt wird, ist die Tatsache, daß dieses Paradies mit reichlich Hölle unterfüttert ist. Seit der weiße Mann kam, der von sich behauptet, es entdeckt zu haben.

Im Jahre 1492 studiert Kopernikus an der Universität in Krakau, konstruiert Martin Behaim in Nürnberg den ersten Globus (noch ohne Amerika und Australien), werden Margareta von Navarra und Pietro Aretino geboren, verlieren die Araber mit Granada den letzten Stützpunkt in Spanien, vertreibt die Inquisition unter Torquemada glaubenstreue Juden und Mauren, stirbt Lorenzo de Medici, Il Magnifico, besteigt der Vater von Cesare und Lucrezia Borgia als Alexander VI. den Thron des Papstes, entwirft da Vinci seine Flugmaschine; geht der Kinderglaube endgültig verloren, wonach die Erde eine Scheibe sei.


Peter-Paul Zahl Long Bay Portland Jamaica W.I. | pepzed@hotmail.com